Der Hausengel



In der Vase mitten auf dem Tisch prangte die rote Tulpe.

Sie war prachtvoll wie die Sonntagshausmütze eines Königs.

Wenn sie verwelkte, brachte der Vater auf der Stelle eine neue aus dem Blumenladen.

Auch dreimal die Woche !

" Da!" sagte er und schenkte der Mutter die Tulpe.

"Lieb von dir, dass du an mich denkst", antwortete die Mutter erfreut.

Sie errötete und glich in diesem Moment der schönen Blume. Sie stellte sie in eine Vase mit frischem Wasser , sang dabei leise und strich dem Vater über die Wange.

Mit Vorliebe saß der Hausengel auf der Blume.

Vielleicht sind Hausengel neben den Schutzengeln die verbreiteste Engelart.

Gewöhnliche, unauffällige, nicht allzu große Engel.

So etwas wie der Spatz unter den Vögeln.

Der Hausengel verließ das Haus nie.

Seine Aufgabe war es, Frieden und Geborgenheit zu verbreiten. Er sorgte dafür, dass man sich zu Hause wohl fühlte.

Wonnevoll machte er es sich zwischen den Blütenblättern bequem und gab sich dem Tulpenduft hin.

Unter seinem Gewicht neigte sich die Blume ein wenig zur Zeite.

Das war der einzige Beweis, dass der Engel existierte.

Für ein gewöhnliches menschliches Auge ist der Hausengel nämlich meistens unsicht bar.

Einmal stritten die Eltern aus irgendeinem unbegreiflichen Grund ein wenig. Es ging gewiss nicht um etwas Wichtiges.

Wenigstens am Anfang nicht!

Doch aus Zorn brachte der Vater keine frische Tulpe mit nach Hause.

"Du bekommst keine, wenn du so bist", beschloss er.

"Steck sie dir an den Hut!", sagte die Mutter.

Der Vater wurde rot vor Wut. Die Mutter schnitt ein böses gesicht.

"Du runzelst auch noch die Stirn ?", sagte der Vater zornig.

so ging es jetzt in einem fort.

Die Blume auf dem Tisch fehlte schrecklich.

Am verzweifelstens war der Hausengel.

Vergeblich schaute er sich nach seinem Platz auf dem Tisch um. Aus Not versuchte er sich auf einen Löffel zu setzen.

Da er es allzu übereilt tat und sein Gewicht falsch eingeschätzt hatte, wippte der Löffel und kippte.

Ach!" Die Suppe war verschüttet. Neue Ärgernisse standen bevor.

"Was machst du da?, schrie der vater die Mutter an.

"Ich?" wunderte sich die Mutter." Natürlich! Kannst du nicht aufpassen?"

"Pass du lieber auf!"

Aufgeschreckt kreiste der Hausengel über dem Tisch. Vor lauter Bedauern und Schreck, fasste er sich an den Kopf.

Er machte sich den Vorwurf, dass alles seine Schuld sei.

Am liebsten wäre er aus der Welt verschwunden

Er schämte sich so sehr, dass er sich in einem Salzschälchen verkroch.

Ein mehr als kläglicher Einfall, wie sich sogleich herausstellte. Aus Versehen wurde er mit einer Prise Salz zwischen zwei Finger eingeklemmt und zu heißen Kartoffeln auf den Teller geworfen.

Oh weh! Der Engel hatte sich die nackten Füße verbrannt und auf den Sohlen bildeten sich Blasen.

Er versuchte drauf zu pusten, und pfiff vor Schmerz.

"Was pfeifst du ständig so widerlich , herrschte der Vater die Mutter an."

"Du pfeifst doch selbst, wehrte sich die Mutter."

Ähnliche Vorkommnisse waren nun an der Tagesordnung.

Unerträglich mit solchen Eltern zu leben.

Das Schlimmste an allem war, dass es einem Kind nicht erlaubt ist, ein noch so schlechtes Zuhause zu verlassen.

Im Unterschied zu den Eltern muss ein Kind alles aushalten.

Solange die Tulpe auf dem Tisch stand, war es zu Hause so schön, sagte sich das Kind dieser Eltern wehmütig.

Es hatte als Erstes diesen merkwürdigen Zusammenhang erkannt.

Die Blume war verschwunden und die Geborgenheit war verschwunden.

Das Kind nahm drei Mark aus der Spardose, fast sein ganzes Vermögen. Im Schweinchen blieben nur noch zehn Pfennig übrig.

Es kaufte für das Geld eine rote Tulpe und stellte sie auf den Tisch.

Der wundervolle, schwere Duft der Tulpe verbreitete sich im Zimmer.

Alle sahen sich überrascht an, als seien sie gerade aus einem Traum erwacht.

"Wie konnte ich mich nur so aufführen, sagte der Vater reumütig."

Die Eltern lächelten einander zu.

Mit dem Tulpenduft verbreitete sich im Zimmer Geborgenheit.Auch der Engel kehrte an seinen Platz zurück.

Als er sich zufrieden auf der Tulpe niederließ, neigte sich die Blume langsam, aber sichtbar zur Seite.

Vor aller Augen !

das erweckte allgemeine Verwunderung.

Alle begriffen und sahen es auch, dass sie hier nicht allein waren.

Es war klar, dass noch jemand bei ihnen war.

Ihre Welt wurde von einem unsichtbaren Wesen beseelt, von dessen Gegenwart sie bisher nichts geahnt hatten.

Sie fingen an, sich untereinander wieder anständiger zu betragen.

"Fürwahr !"

Wir werden uns vor Fremden nicht von unserer schlechten Seite zeigen, sagte der Vater spaßend, aber mit einer dicken Gänsehaut.

Es war offentsichtlich, dass sie sich in der erhabensten Gesellschaft befanden.

Nie mehr durfte die Blume auf dem Tisch fehlen.

Für das häusliche Glück war sie absolut unversichtbar !

Autor unbekannt


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